5:45 Uhr – das Treffen mit meinem alten Motorrad
Es ist 5:45 Uhr morgens. Während viele Menschen noch schlafen, beginnt der Motor meines alten Motorrads leise vor meinem Haus zu knattern. Es ist zwar nicht mehr das Jüngste, hat mich aber noch nie im Stich gelassen. Ich scherze oft, dass es meine „zweite Ehefrau“ ist. Gemeinsam legen wir jeden Morgen fast 40 Kilometer zurück, um das Büro von AiNA Soa zu erreichen. Von all meinen Kolleginnen und Kollegen wohne ich am weitesten entfernt.
So früh aufzubrechen ist für mich längst zur Gewohnheit geworden. Nicht nur um als Erster im Büro zu sein, sondern auch um den morgendlichen Staus in der Hauptstadt zu entgehen. Um diese Uhrzeit sind die Strassen noch ruhig und für einen kurzen Moment fühlt es sich an, als gehöre die Strasse ganz mir. Solches Reisen habe ich schon immer geliebt.
Eine Strasse, die von den Jahreszeiten geprägt wird
Jede Fahrt ist eine Herausforderung und zugleich ein Moment der Freiheit. Auf dem Motorrad kann ich nachdenken, mich gedanklich auf den Tag vorbereiten und mich daran erinnern, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Doch zu bestimmten Jahreszeiten wird diese Leidenschaft auf eine harte Probe gestellt. Besonders die Regenzeit ist anspruchsvoll: Platzregen setzt oft völlig unerwartet ein und verwandelt jede Fahrt in eine echte Bewährungsprobe.
Am meisten zu schaffen macht mir jedoch die Kälte an Wintermorgen. Selbst mit vier oder fünf Kleidungsschichten findet sie immer einen Weg durch den Stoff und kriecht bis tief in die Knochen. Manchmal habe ich so wenig Gefühl in den Fingern, dass ich die Hupe nicht mehr mit dem Daumen drücken kann. Stattdessen muss ich mit der Faust darauf schlagen. Es sind nur kleine Details, doch sie erinnern daran, dass hinter jedem Arbeitstag oft ein Einsatz steckt, den kaum jemand sieht.

Sicherheit geht vor
Glücklicherweise führt der grösste Teil meiner Strecke über asphaltierte Strassen. In Madagaskar ist das keineswegs selbstverständlich. Viele Nationalstrassen sind, besonders während der Regenzeit, nur schwer befahrbar. Mein altes Motorrad könnte zwar schneller fahren, doch ich überschreite bewusst nie die 60 km/h-Marke. Als Erste-Hilfe-Ausbilder sehe ich immer wieder die Folgen von Verkehrsunfällen. Das erinnert mich daran, dass ein paar eingesparte Minuten ein Menschenleben wert sind. Prävention beginnt schliesslich bei unserem eigenen Verhalten.
Unterwegs im Einsatz – fern von der Familie
Mein Alltag beschränkt sich nicht nur auf die morgendlichen Fahrten ins Büro. Regelmässig bin ich auch für mehrtägige Einsätze unterwegs. Das bedeutet, meine Familie für mehrere Tage zu verlassen. Das fällt mir nie leicht. Doch jeder Einsatz erinnert mich daran, warum ich meinen Beruf so sehr liebe. Durch meine Reisen quer durch Madagaskar entdecke ich nicht nur beeindruckende Landschaften, sondern begegne vor allem aussergewöhnlichen Menschen. Jede Region hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Dialekt, ihre Traditionen und ihre ganz besondere Sicht auf die Welt.
Mahabo: Ein aussergewöhnlicher Einsatz
Unser vorletzter Einsatz führte uns nach Mahabo. Schon in den ersten Stunden der Schulung wurde uns klar, dass dieser Einsatz etwas Besonderes werden würde. Normalerweise nehmen an einer Schulung etwa 15 bis 20 Personen teil. In Mahabo waren es bei jeder Unterrichtseinheit fast 40 Teilnehmende. Viele hätten das als zusätzliche Herausforderung empfunden. Für mich war es vielmehr eine Quelle neuer Energie. Je grösser die Gruppe, desto intensiver der Austausch, desto lebhafter die Diskussionen, desto dynamischer die praktischen Übungen und desto häufiger wurde gemeinsam gelacht.

Die meisten Teilnehmenden waren junge Schülerinnen und Schüler beziehungsweise Studierende. Schon nach kurzer Zeit entstand eine herzliche und vertrauensvolle Atmosphäre zwischen ihnen und unserem Team. Die Demonstrationen entwickelten sich manchmal zu regelrechten Lernspielen, bei denen jeder mitmachen, Fragen stellen oder eine Erste-Hilfe-Massnahme selbst ausprobieren wollte.
Selbst die drückende Hitze der Region, die den einen oder anderen gelegentlich an seine Grenzen brachte, konnte unsere Motivation nicht bremsen. Wir machten jede Übung zu einem positiven Lernerlebnis. Erste Hilfe zu lernen, soll nicht nur theoretischer Unterricht sein, sondern eine Erfahrung, die im Gedächtnis bleibt.
Eine Entdeckung lokaler Praktiken
Im Austausch mit den Teilnehmenden lernten wir auch die örtlichen «Erste-Hilfe-Praktiken» kennen. Einige davon waren sinnvoll, andere hingegen beruhten auf überlieferten Glaubensvorstellungen, die seit Generationen weitergegeben werden. Zum Beispiel fragten wir die Teilnehmenden, wie sie eine Verbrennung behandeln würden. Eine Person erzählte, dass man dafür Fischkot auf die Wunde auftrage. Eine andere berichtete sogar, dass in bestimmten Situationen eine Flüssigkeit aus dem Intimbereich einer Frau verwendet werde.
Für einen kurzen Moment waren wir sprachlos. Noch überraschender war jedoch, dass niemand im Raum diese Antworten ungewöhnlich fand. Für die Teilnehmenden gehörten diese Methoden selbstverständlich zu dem Wissen, das in ihrer Gemeinschaft weitergegeben wird.
In diesem Augenblick wurde mir erneut bewusst, dass unsere Aufgabe nicht darin besteht zu urteilen. Unsere Mission ist es, zuerst zuzuhören und erst dann zu lehren. Kulturelle Gewohnheiten verändert man nicht, indem man sie einfach als falsch bezeichnet. Stattdessen zeigen wir wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge auf, erklären die Hintergründe, demonstrieren wirksame Erste-Hilfe-Massnahmen und geben den Menschen die Möglichkeit selbst zu verstehen, warum sich manche traditionellen Praktiken durch sicherere Methoden ersetzen lassen. Ausbilden bedeutet nicht nur, Wissen zu vermitteln. Es bedeutet auch den Menschen mit Respekt zu begegnen, die dieses Wissen aufnehmen.
Die Herausforderung der Sprache
In Mahabo erwartete uns noch eine weitere Herausforderung: die Sprache. Obwohl meine Frau aus dieser Region stammt und ich ihren Dialekt zu Hause regelmässig höre, fällt es mir immer noch schwer, ihn fliessend zu sprechen. Ich verstehe vieles, doch mich mit diesem Dialekt möglichst gut auszudrücken, ist nach wie vor eine Herausforderung. Ich höre darum aufmerksam zu und nehme mir die Zeit, meine Worte sorgfältig zu wählen. Wenn nötig, verlasse ich mich auf die Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen. Besonders wichtig ist, bei allem nicht mein Lächeln zu verlieren, denn ein Lächeln überwindet oft Sprachbarrieren und schafft eine Verbindung, wo Worte allein nicht ausreichen.

Was ich von jedem Einsatz mitnehme
Am Ende von jedem Einsatz, wenn sich die Teilnehmenden bei uns bedanken, wenn sie mit mehr Selbstvertrauen nach Hause gehen und wissen, dass sie vielleicht eines Tages ein Leben retten können, wird mir immer wieder bewusst: All die gefahrenen Kilometer, die eisigen Morgenstunden, die langen Zeiten fern von meiner Familie und die vielen Stunden auf der Strasse haben sich gelohnt.
Erste-Hilfe-Ausbilder zu sein bedeutet …
- bereit zu sein, noch vor Sonnenaufgang aufzubrechen.
- Hunderte von Kilometern zurückzulegen.
- von anderen genauso viel zu lernen, wie sie von uns lernen.
- zu entdecken, dass jede Region ihren eigenen Reichtum besitzt, dass jede Begegnung uns ein Stück verändert und dass jeder junge Mensch den wir ausbilden, eine weitere Chance bedeutet, dass morgen ein Menschenleben gerettet wird.
Das ist es, was meinen Beruf so besonders macht.
Ny Ony, Arzt und Erste-Hilfe-Instruktor