In Madagaskar ist medizinische Nothilfe nicht immer nur einen Anruf entfernt. Fast nie ist am Unfallort ein Arzt, eine Pflegefachperson oder ausgebildete Rettungskraft. Man sieht gewöhnlich einfach Menschen, die überrascht sind von der Situation, unwissend was sie tun können und doch bemüht, das Richtige zu tun.

Das ist eine Realität, über die ich in meiner Arbeit mit Aina soa ständig nachdenke. Sie prägt meine Sicht auf Erste Hilfe — nicht als technische Fähigkeit, die nur Fachleuten vorbehalten ist, sondern als etwas, zu dem jeder Mensch Zugang haben sollte. Und sie erinnert mich jeden einzelnen Tag daran, warum es so wichtig ist, dieses Wissen weiterzugeben.

ft liegt der Unterschied zwischen Leben und Tod nicht in medizinischem Fachwissen. Meistens geht es einfach darum zu wissen, was in den ersten Minuten zu tun ist.

Lernen, unterschiedliche Stärken wertzuschätzen

Im Laufe der Jahre habe ich etwas Wichtiges erkannt: Jeder Mensch hat seine eigenen Stärken und Schwächen — und das gilt auch für mich.

Es gibt Momente, in denen ich mich wohl dabei fühle, Erste-Hilfe-Konzepte zu erklären und sie so verständlich aufzubereiten, dass andere ihnen gut folgen können. Aber es gibt auch Zeiten, in denen ich Kolleginnen oder Kollegen beobachte, die ganz natürlich einen Raum mit Leben füllen oder eine Diskussion mit einer Energie leiten, die ich nur bewundern und von der ich lernen kann.

Ich wurde von Teammitgliedern inspiriert, die Ideen durch Fotografie, Videos und Geschichten ausdrücken. Und ich habe den stillen Wert darin erkannt, einfach präsent zu sein — Ausrüstung anzupassen, andere zu unterstützen und hinter den Kulissen dort einzuspringen, wo Hilfe gebraucht wird.

All das hat meine Sicht auf die eigene Rolle geprägt. Es hat mir gezeigt, dass ich nicht in allem gut sein muss. Entscheidend ist, auf meine eigene Weise einen Beitrag zu leisten und gleichzeitig durch die Stärken der Menschen um mich herum zu wachsen.

Alles zusammen hat mein Verständnis meiner eigenen Rolle geprägt. Es hat mir gezeigt, dass ich nicht in allem gut sein muss. Wichtig ist, auf meine eigene Weise etwas beizutragen und gleichzeitig durch die Stärken der Menschen um mich herum zu wachsen.

Die Frustration, gehört zu werden

Wie viele Organisationen heutzutage entschieden auch wir uns dafür, soziale Medien wie Facebook und Instagram zu nutzen, um mehr Menschen zu erreichen. Das Ziel war einfach: wenn wir Erste-Hilfe-Wissen direkt auf die Bildschirme der Menschen in unserem Land bringen könnten, würden wir vielleicht jemandem helfen, in nur wenigen Minuten eine lebensrettende Fähigkeit zu erlernen.

Doch die Realität erinnerte uns schnell daran, dass Bildungsinhalte online nur schwer mithalten können. Lustige Videos, Alltagsszenen und trendige Inhalte ziehen die Aufmerksamkeit viel leichter auf sich als eine kurze Lektion über Notfallhilfe. Nachdem wir mehrmals Beiträge veröffentlicht hatten und nur wenige Aufrufe sahen, waren wir gefordert uns nicht entmutigen zu lassen.

Für einen Moment fühlte es sich an, als würden wir ins Leere sprechen.

Doch anstatt aufzugeben, stellte sich das Team immer wieder dieselbe Frage: Wie können wir Menschen dazu bringen, innezuhalten, zuzuschauen und tatsächlich etwas zu lernen?

Eine neue Idee: Lernen in 7 Tagen

Anstatt einem einzigen viralen Video hinterherzujagen, entschieden wir uns für einen anderen Ansatz. Was wäre, wenn wir eine kurze Serie erstellen würden, die über mehrere Tage hinweg veröffentlicht wird und darauf abzielt, sowohl Neugier als auch Gewohnheit aufzubauen?

So entstand die Idee einer 7-tägigen Videoserie über einfache Augenübungen.

Ich weiss, auf den ersten Blick mag das für eine Erste-Hilfe-Organisation wie ein ungewöhnliches Thema erscheinen. Doch Augenbeschwerden, Überanstrengung und kleinere Sehprobleme sind äusserst verbreitet, besonders durch die zunehmende Zeit, die wir alle vor Bildschirmen verbringen. Und für uns bot dieses Thema genau das, was wir brauchten: praktische und leicht umsetzbare Übungen, kurze und ansprechende tägliche Inhalte sowie einen Grund für die Menschen, am nächsten Tag wiederzukommen.

Teamarbeit in Aktion

Sobald die Idee feststand, kam das Team zusammen. Jede Person brachte sich auf ihre eigene Weise ein.

Einige arbeiteten daran, die Erklärungen so einfach zu gestalten, dass wirklich jeder mitmachen konnte. Andere konzentrierten sich auf die visuelle Umsetzung, achteten auf Bildausschnitte, machten die Videos lebendiger und verliehen jedem Clip seine eigene Energie. Wieder andere sorgten dafür, dass die Serie über alle sieben Tage hinweg zusammenhängend wirkte und nicht einfach nur aus einzelnen, voneinander getrennten Videos bestand.

Wir wollten, dass jedes Video kurz, klar und leicht zu Hause nachzumachen ist. Doch über die technische Arbeit hinaus war es vor allem die Atmosphäre, die den Prozess so besonders machte. Während der Dreharbeiten wurde viel gelacht. Es gab Diskussionen darüber, wie man Dinge noch besser erklären könnte. Und es gab den gemeinsamen Wunsch, ehrlich und ungezwungen, zusammen etwas Nützliches zu schaffen.

Diese Momente spiegeln perfekt den Geist wider, der Aina Soa im Kern ausmacht.

Erfolg wird nicht immer an Aufrufen gemessen

Als alle Videos schliesslich veröffentlicht waren, ertappte ich mich dabei, leise darüber nachzudenken, wie die Menschen reagieren würden. Ich war nicht für die Social-Media-Strategie verantwortlich, aber da ich Teil des Prozesses gewesen war, war ich dennoch neugierig und hoffnungsvoll zu sehen, wie sich die Clips verbreiten würden.

Wie bei vielen Bildungsinitiativen im Internet blieben die Zahlen weit unter dem, was wir uns erhofft hatten. Eine gewisse Enttäuschung spürte ich bei mir, aber überraschenderweise brachte es mich dazu, darüber nachzudenken, was Erfolg in dieser Art von Arbeit wirklich bedeutet.

Wirkung lässt sich nicht immer allein durch Zahlen messen. Wenn nur eine einzige Person dieses Video sieht und sich wirklich daran erinnert, zum Beispiel in einem Notfall die Atmung zu überprüfen oder jemanden in die stabile Seitenlage zu bringen, dann hat sich der Aufwand bereits gelohnt. Diese eine Person könnte eines Tages ein Leben retten.  Dieser Gedanke löste in mir eine neue Motivation aus.

Warum ich weitermache

Teil von AiNA soa zu sein hat nach und nach meine Sicht auf die Welt verändert.
Ich habe verstanden, dass es bei dieser Organisation nicht in erster Linie um Sichtbarkeit oder Zahlen geht. Es geht darum Wissen zu teilen, das Menschen wirklich befähigen kann. Auch wenn ich nicht bei jeder Initiative im Mittelpunkt stehe, fühle ich mich dieser Aufgabe dennoch tief verbunden.

Durch Trainings, Einsätze in ganz Madagaskar und unterschiedliche kreative Ansätze habe ich gesehen, wie es viele verschiedene Wege gibt, selbst die einfachsten lebensrettenden Fähigkeiten weiterzugeben.

Manchmal geschieht das in einem Klassenzimmer.

Manchmal geschieht es unterwegs, auf Reisen von einer Region in die nächste.

Und manchmal geschieht es durch eine einfache Videoserie, die sich in den Alltag eines Menschen einfügt.

Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: Erste-Hilfe-Wissen zugänglich und praktisch zu machen und es vor allem so zu vermitteln, dass es im Gedächtnis bleibt.

Avotro, Arzt und Erste-Hilfe-Instruktor