Es gibt ein Buch von Thomas Erikson mit dem Titel Surrounded by Idiots (Umgeben von Idioten). Ich weiss nicht, ob er damit recht hat. Was ich aber weiss: Ich hatte das Glück, mit besonders talentierten Menschen arbeiten zu dürfen, mit individuellen Gaben.
Eddy und die Kunst des Sehens
Es begann mit etwas so Kleinem wie einem Foto. Tatsächlich hatten wir nur sehr wenige wirklich brauchbare Einsatzfotos – für ein ungeübtes Auge sahen sie gut aus, aber sie waren nicht gut genug, um die Geschichte unserer Arbeit zu erzählen.
Eddy, unser IT- und Multimedia-Techniker, zeigte uns einige seiner Geheimnisse: ein paar Grundprinzipien, eine andere Art, eine Szene zu betrachten und plötzlich kann man mit jeder Kamera, die gerade zur Hand ist, viel mehr erreichen. Ein Magier verrät seine Tricks nicht, aber Eddy war bereit, einige seiner Geheimnisse mit uns zu teilen. Vor allem aber zeigte er uns eines: Exzellenz hängt nicht von den Ressourcen ab, die man zur Verfügung hat, sondern davon, wie gut man sie einsetzt.

Eddy, der Fotograf
Miranas Telefon-Talent
Dann ist da noch Mirana, unsere Verhandlungskünstlerin. Während eines Einsatzes in Mandoto bekam ich ein Zimmer, das von Bettwanzen befallen war. Am nächsten Morgen trug mein Körper die unübersehbaren Spuren davon. Für jeden weiteren Einsatz suchten wir nach besseren Unterkünften, die trotzdem in unser Budget passten. In manchen Gegenden Madagaskars lassen sich diese beiden Dinge nicht immer miteinander vereinbaren. Mirana griff zum Telefon. Ein paar Anrufe später hatte sie einen Rabatt von mehr als 30% ausgehandelt.
Ihr Telefon wirkt auch bei den lokalen Behörden wahre Wunder. Bei unserem ersten Einsatz in Miandrivazo traf der Bezirkschef höchstpersönlich früh am Morgen noch vor unserem Team ein, um sicherzustellen, dass unsere Schulungsräume vorbereitet waren – kostenlos. Er bestand sogar darauf, die Veranstaltung selbst offiziell zu eröffnen. In Betafo, wo wir zuvor nicht einmal einen Höflichkeitsbesuch gemacht hatten, erwies sich der lokale Ansprechpartner als ebenso effektiv.
Hinter all dem stecken Begabung, Überzeugungskraft und eine Menge harte Arbeit – aus unserer Sicht ein wertvolles Talent.

Mirana am Telefon
Ny Ony: Wissen, was gebraucht wird
Manche finden Lösungen, andere wissen einfach, wann sie eingreifen müssen.
Während einer Schulung mit Polizeibeamten eröffnete der Bezirkskommissar für öffentliche Sicherheit (der ranghöchste Beamte des Bezirks) in Ambatondrazaka die Veranstaltung selbst. Als ältestes Mitglied unseres Teams wurde von mir erwartet, darauf zu antworten. Offizielle Ansprachen gehören nicht gerade zu meinen Stärken und Ny Ony schien das zu wissen. Er sprang ein und sprach an meiner Stelle – damit war die Sache erledigt.
Vielleicht ist das ein Talent, das ich am meisten schätze: zu wissen, was ein Kollege braucht, manchmal noch bevor er überhaupt darum bittet.

Ny ony spricht
Die Energie lebendig halten
Während Schulungen braucht es Kreativität und auch Fantasie. Wenn die Hitze drückend wird, lässt die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden schnell nach. Dann unterbrechen wir die Schulung und greifen zu einer Aktivität, die alle wieder ins Geschehen zurückholt.
Wir bedienen uns dabei an den Ideen von Eddy und Avotra. Sie haben dafür beide ein besonderes Talent. Eine gute Idee bleibt nie bei der Person, die sie hatte – sie wird weitergegeben.

Avotra
Das Lachen
Manche Menschen merken nicht einmal, dass sie etwas besonderes bewirken. Sie sagen einfach etwas oder machen eine beiläufige Geste – irgendwie muss am Ende das ganze Team lachen. Das sind bei uns Avotra und Ranto. Sie schaffen es, selbst unsere Stille mit Freude zu erfüllen.
Auch unser Fahrer Ranto hat ebenfalls seine eigenen Fähigkeiten. Mit seinen Playlists und Geschichten macht er selbst lange Fahrten zu Momenten, die wir fast genauso geniessen wie das Ziel – für uns sehr wertvoll.

Ranto
Nach Hause kommen
Nach einem Einsatz gibt es meist noch etwas, worauf wir uns besonders freuen: Mamitianas Kochkünste. Meistens kommen wir genau an dem Tag zurück ins Hauptquartier, an dem sie für alle kocht. Über dieses Timing freuen wir uns jedes Mal aufs Neue. Es geht dabei nicht nur ums Essen. Es ist das Gefühl von Gemeinschaft, das uns nach teils langen Reisen und anstrengenden Schulungen endlich aufatmen lässt. Die vorherige Müdigkeit fühlt sich dann nicht mehr ganz so schwer an.

Mamitiana und ihr Werk
Vertrauen im Mittelpunkt
Wenn ich etwas mit Gewissheit weiss, dann ist es folgendes: Ich vertraue meinen Kolleginnen und Kollegen im Trainerteam voll und ganz. Sie stehen im Mittelpunkt jedes Einsatzes und ich vertraue ihnen den wesentlichen Teil unserer Arbeit an. Dieses Vertrauen ist nicht nur ein Gefühl, denn die Rückmeldungen von Teilnehmenden und Organisatoren enthalten nur selten Kritik. Doch jenseits all dieser Bewertungen gibt es etwas noch Wichtigeres: das Wissen, dass man sich auf jemanden verlassen kann.

Medizinisches Team
Natürlich könnte ich noch viele weitere Talente nennen – all jene, die vorbereiten, organisieren, koordinieren, vorausdenken, überprüfen, ermöglichen und im Hintergrund dafür sorgen, dass alles funktioniert.
Aus Schwierigkeiten werden Geschichten
Manchmal geht es gar nicht darum, eine Lösung zu finden, sondern darum, aus einer Schwierigkeit eine Erinnerung zu machen.
Bei einem Einsatz im Busch legten wir ungefähr 120 Kilometer mit dem Motorradtaxi zurück – durch Regen, über eine rutschige unbefestigte Strasse und über Strecken, die mit grossen Felsen übersät waren. Unsere Fahrer schienen ihre eigene Vorstellung von Geschwindigkeit zu haben. Nach einigen kräftigen Schlägen in den unteren Rücken bat ich sie schliesslich anzuhalten, damit ich sie an ein paar Sicherheitsregeln erinnern konnte. Damals fand ich das nicht lustig. Als wir vom Einsatz zurückkamen, war daraus bereits einer der Lieblingswitze des Teams geworden. Ny Ony, der das Ganze direkt neben mir miterlebt hatte, hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass ich so reagieren würde.
Aus der Schwierigkeit war eine Erinnerung geworden. Aus der Erinnerung eine Geschichte und aus der Geschichte gemeinsames Lachen.
Das ist die Stärke unseres Teams: Wir lassen Schwierigkeiten nicht einfach verschwinden – wir verwandeln sie. Aus einem Problem wird eine Lösung, aus einer individuellen Fähigkeit eine gemeinsame Ressource, aus einem schwierigen Moment eine Erinnerung, aus einer langen Reise eine Geschichte und aus Erschöpfung ein Gefühl der Verbundenheit.
Wenn ein Einsatz scheinbar wie am Schnürchen läuft, weiss ich inzwischen, dass es niemals ganz so einfach ist. Hinter dieser Leichtigkeit steckt immer jemand, der eine Lösung gefunden, eingegriffen, einen Anruf gemacht, verhandelt, gefahren, geschult, gekocht, organisiert, eine Idee eingebracht oder einfach Menschen zum Lachen gebracht hat. Genau das sind besondere Talente, die ich in unserem Team schätze.
Die Ruhe der Kämpfer
Auf der Heimreise, nach den Schulungen, der Hitze und allem, was der Einsatz von ihnen verlangt hat, schlafen unsere Ausbilder auf der Rückfahrt oft ein.
Instruktor, die auf dem Rückweg eingeschlafen sind
Vielleicht ist das das grösste Privileg – zu wissen, dass ich nicht allein sein werde. Nicht allein, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Jemand wird einspringen. Jemand wird eine Lösung finden. Jemand wird die anderen zum Lachen bringen. Jemand wird aufpassen. So, dass ich mich auch mal fallen lassen darf.
Mit solchen Menschen zu arbeiten, bedeutet, zu wissen: Was auch immer kommt – wir finden einen Weg.
Tsito, Arzt und Erste-Hilfe-Instruktor


