Zu Beginn dieses Jahres hatte unser AiNA-soa-Team in Madagaskar Besuch von unserer Gründerin Nicole, die aus der Schweiz angereist war. Für mich war dies eine sehr wertvolle Begegnung. Nicole rief uns, dem Team, die Kernvision von AiNA soa neu in Erinnerung:
„zu sehen, wie das madagassische Volk Verantwortung für seine eigene Entwicklung übernimmt und unser Land zu einem besseren Ort macht.“
Ich denke, niemand ist besser geeignet dies zu erklären, als sie selbst – schliesslich ist sie es, die als Gründerin diesen Traum zuerst hatte und Wirklichkeit werden liess. Ihre Worte zu dieser Vision entfachten das Feuer in meinem Herzen neu – ich erinnerte mich, warum ich mich seit so langer Zeit der Arbeit bei AiNA soa widme.
Ich bin Nicole zutiefst dankbar für ihre aufrichtige und unerschütterliche Liebe zu Madagaskar. Gleichzeitig warfen ihr Besuch und ihre Leidenschaft in mir eine Frage auf, die mich sehr beschäftigt: Warum scheint der Antrieb, unser Land zu unterstützen, manchmal von aussen stärker zu sein als von innen? Liegt es an einem Mangel an Patriotismus oder haben wir auf dem Weg Vertrauen und Einheit verloren?
Die Entscheidung: Zuschauen … oder handeln?
Drei jüngste Ereignisse haben mir diese Entscheidung deutlich vor Augen geführt – und sie zeigen sowohl die Herausforderung als auch die Hoffnung.
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Der Schatten der Gleichgültigkeit
Gegen Ende letzten Jahres ereignete sich in der Hauptstadt eine herzzerreissende Tragödie: Ein sechsjähriges Mädchen geriet unter die Räder eines Busses, während es mit seiner Mutter wartete. Es blutete stark in den Armen seiner Mutter. Die Mutter flehte einen Taxifahrer um Hilfe an, doch er weigerte sich mit den Worten: „Derjenige, der sie angefahren hat, soll sie auch bringen.“ Schliesslich half ein Motorradtaxifahrer, aber es war zu spät. Das kleine Mädchen erreichte das Spital nicht mehr rechtzeitig. Die sozialen Medien füllten sich mit Kritik und Schuldzuweisungen.

© Malala Tsaroana
Mich persönlich hat diese Tragödie zutiefst erschüttert. Ich empfand nicht nur Trauer. Sie zwang mich auch, mich selbst zu hinterfragen: Haben wir unser menschliches Grundgefühl verloren anderen zu helfen? Haben wir vergessen, dass jedes Leben zählt? Ich fragte mich auch: Hätte der Ausgang anders sein können, wenn jemand mit Erste-Hilfe-Kenntnissen vor Ort gewesen wäre?
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Licht der Entschlossenheit
Nur wenige Wochen später schenkte mir eine andere Geschichte echte Hoffnung. Tsito, einer unserer Ärzte und Ausbildner bei AiNA soa, war mit drei seiner Kursteilnehmenden auf dem Rückweg von einer Schulung. Sie gerieten in einen grossen Stau, der durch einen Unfall verursacht worden war: Eine ältere Frau war von einem Motorrad angefahren worden und blutete stark aus einer Verletzung am Kopf. Die Menschen standen nur da und schauten zu, Autos fuhren vorbei. Ihr Sohn war in Panik und wurde zunehmend aggressiv.
Im Auto spürten die jungen Teilnehmenden den inneren Impuls zu helfen. „Sollen wir anhalten?“, fragten sie. Und sie hielten an. Als ich Tsito erzählen hörte, was geschehen war, wurde in mir neue Hoffnung entfacht.
Diese Geschichte hat mir eindrücklich vor Augen geführt: es war nicht nur das Können, das den Unterschied machte, sondern die Entscheidung zu handeln. Viele Menschen verfügen über Wissen, aber nicht jeder entscheidet sich dieses auch einzusetzen. Tsito und sein Team übernahmen die Situation, stoppten die Blutung und organisierten den Transport ins Krankenhaus.
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Solidarität mitten im Chaos
Als im Februar der Zyklon Gezani die Ostküste traf, Dutzende Menschenleben forderte und verheerende Zerstörungen anrichtete, war der Schmerz überwältigend. Besonders in Toamasina wurden grosse Teile der Stadt schwer beschädigt. Und doch zeigte sich mitten in all dem eine kraftvolle Solidarität.
Studierende, Arbeitnehmende, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie die madagassische Diaspora engagierten sich mit Spendenaktionen im Rahmen von „voatsirambin’ny tanana“ (gemeinschaftliche Spendeninitiativen). Zudem gingen Freiwillige direkt vor Ort, um beim Wiederaufbau zu helfen.

©Bureau National de Gestion des Risques et des Catastrophes
Diese Taten zeigten mir: Unsere Werte sind nicht verloren – sie leben auf, wenn wir uns für Einheit statt Gleichgültigkeit entscheiden.
Fazit: Verantwortung ist der Schlüssel
Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal auf AiNA soa aufmerksam wurde, hat mich die Vision sofort angesprochen. Ich meldete mich für einen der ersten Erste-Hilfe-Kurse an. Diese Erfahrung veränderte alles für mich. Was ich dort lernte, waren nicht nur Techniken, sondern das Vertrauen, dass ich im Notfall wirklich etwas bewirken kann.
Seitdem engagierte ich mich ehrenamtlich in der Organisation und bin heute als Sekretärin tätig. Auch wenn ich nicht immer selbst die Schulungen leite, bin ich intensiv an ihrer Vorbereitung beteiligt: Ich organisiere Termine, koordiniere die Logistik und unterstütze unsere Ausbildnerinnen und Ausbildner, damit sie noch mehr Menschen erreichen können.
„Wie jede geistige Veränderung schreitet auch der Wiederaufbau langsam voran…, aber er muss geschehen und ohne Unterbrechung.“ E.D. Andriamalala
Ein Wandel im Denken braucht Zeit und Einsatz. Doch wenn wir nicht beginnen, wird sich niemals etwas ändern. Durch meine Arbeit bei AiNA soa habe ich es aus nächster Nähe erlebt: jede Schulung, die wir vorbereiten, jeder Mensch, den wir stärken, bringt uns einem Madagaskar näher, in dem Menschen bereit und entschlossen sind, einander zu helfen.
Das ist es, was mich antreibt: zu wissen, dass ich hinter den Kulissen dazu beitrage eine Kultur aufzubauen, in der Madagassinnen und Madagassen einander ohne Zögern beistehen.
Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wenn der entscheidende Moment kommt, bleibe ich Zuschauerin oder Zuschauer oder entscheide ich mich zu handeln? Systeme und politische Massnahmen sind wichtig, doch echter Wandel beginnt im Herzen jedes einzelnen Menschen, der bereit ist, innezuhalten und zu handeln.
Der Tag, an dem jede und jeder von uns sich für das Handeln entscheidet, ist der Tag an dem die Zukunft Madagaskars wirklich heller zu leuchten beginnt.
Grüsse aus Madagaskar
Mirana, Sekretärin und Zuständige für Kommunikation